Inhalt
Digitoxin wird zur Behandlung der chronischen Herzinsuffizienz, von Herzrhythmusstörungen und am Augeerkrankungen eingesetzt.
Anzeige
Grundlagen
Digitoxin ist ein Wirkstoff, der zur Behandlung der chronischen Herzinsuffizienz, von Herzrhythmusstörungen und von muskulären, akkommodativen (anpassungsfähig) oder nervösen Ermüdungserscheinungen am Auge eingesetzt wird. Digitoxin ist ein weißes Pulver, das unlöslich in Wasser ist. Digitoxin ist ein natürlicher pflanzlicher Inhaltsstoff aus dem Roten Fingerhut (Digitalis purpurea), der in Österreich heimisch ist. Digitoxin gehört zur Gruppe der Herzglykoside. Digitoxin wird heutzutage durch andere Therapien (mit ACE-Hemmern, Betablockern, Diuretika) abgelöst und nur mehr selten eingesetzt. Noch öfters angewendet wird er aber vor allem in der Augenheilkunde.

Wirkung
Digitoxin steigert die Kontraktionskraft und die Kontraktionsgeschwindigkeit des Herzens (positiv inotrop). Es senkt die Herzfrequenz (negativ chronotrop), verzögert die Erregungsleitung (negativ dromotrop) und steigert die Erregbarkeit der Herzmuskulatur (positiv bathmotrop).
Digitoxin hemmt das Enzym Natrium-Kalium-ATPase (auch Natrium-Kalium-Pumpe genannt) in den Herzmuskelzellen. Die Natrium-Kalium-Pumpe transportiert Natrium-Ionen aus der Zelle und Kalium-Ionen in die Zelle, was zu Konzentrationsänderungen führt. Eine erhöhte Kaliumkonzentration in der Zelle führt zur Aktivierung von Proteinen wie Aktin und Myosin, welche in Muskelzellen, somit auch in Herzmuskelzellen, für die Kontraktion (Zusammenziehen) verantwortlich sind. Dadurch wird die Kontraktionskraft (Inotropie) erhöht.
Digitoxin wirkt zusätzlich auf die elektrische Aktivität des Herzens (Membranpotential). Dadurch kommt es zu einer verzögerten elektrischen Überleitungszeit im Herzen zwischen Vorhof und dem AV-Knoten, was als negativ dromotrop bezeichnet wird.
Digitoxin wird durch die Leber abgebaut und über die Nieren und über den Stuhl ausgeschieden. Es hat eine hohe Plasmahalbwertszeit von bis zu 8 Tagen, das heißt, dass nach 8 Tagen erst die Hälfte des Wirkstoffes ausgeschieden ist. Dadurch wirkt es auch sehr lange. Auch die Bioverfügbarkeit - also zu wie viel Prozent der Wirkstoff im Blut verfügbar ist - ist durch die Fettlöslichkeit des Wirkstoffes sehr hoch.
Dosierung
Nehmen Sie Digitoxin immer genau wie in der Packungsbeilage beschrieben bzw. genau nach Absprache mit Ihrem Arzt ein.
Da bereits sehr geringe Mengen an Digitoxin reichen, um eine ausreichende Wirkung zu erzielen, liegt die Erhaltungsdosis bei Erwachsenen bei 0,001 mg/kg Körpergewicht. Die Erhaltungsdosis ist die Dosierung, die man täglich einnehmen sollte, damit die Wirkung aufrechterhalten bleibt.
Nebenwirkungen
Es kann zu folgenden Nebenwirkungen kommen:
Immunsystem:
- Allergische Reaktionen
- Nesselausschlag (Urticaria)
- Eosinophilie
- Hautrötung (Erythem)
- Verminderung der Blutplättchen (Thrombozytopenie)
- Schmetterlingserythem (Lupus erythematodes)
Hormonsystem:
- Vergrößerung der Brustdrüse beim Mann (Gynäkomastie)
Psyche:
- Psychische Veränderungen (z.B. Alpträume)
- Depressionen
- Halluzinationen
- Psychosen
- Sprachstörungen
- Schwäche
- Teilnahmslosigkeit (Apathie)
- Unwohlsein
Augen:
- Farbsehstörungen
Herz-Kreislauf-System:
Magen-Darm-Trakt:
- Appetitlosigkeit
- Übelkeit und Erbrechen
- Bauchschmerzen
- Durchfall
- Gefäßverschluss im Bauchraum (Mesenterialinfarkt)
Bewegungsapparat:
- Muskelschwäche
Allgemein:
- Kopfschmerzen
- Müdigkeit
- Schlaflosigkeit
Bei einer Digitoxinvergiftung kann das Fab-Fragment eines Antikörpers als Gegengift (Antidot) eingenommen werden.
Wechselwirkungen
Bei gleichzeitiger Einnahme von folgenden Arzneimitteln können wirkungsverstärkende Wechselwirkungen auftreten:
- Calcium
- Medikamente, die in das Elektrolytgleichgewicht eingreifen:
- Diuretika,
- Abführmittel
- Benzylpenicillin
- Amphotericin B
- Carbenoxolon
- Kortikosteroide
- ACTH
- Salicylate
- Lithiumsalze
- Medikamente, die den Abbau in der Leber verlangsamen:
- Medikamente, die das P-Glykoprotein hemmen:
- Makrolid-Antibiotika
- Tetrazykline
- Chinidin
- bestimmte Antibiotika:
- Makrolid-Antibiotika
- Carbapeneme
- Beta-Lactame
- Beta-Blocker
- Muskelrelaxantien
- Reserpin
- trizyklische Antidepressiva
- Sympathomimetika
- Theophyllin
Bei gleichzeitiger Einnahme von folgenden Arzneimitteln können wirkungsabschwächende Wechselwirkungen auftreten:
- Medikamente, die den Kaliumspiegel erhöhen:
- Aktivkohle
- Cholestyramin
- Colestipol
- Kaolin-Pektin
- Abführmittel
- Medikamente, die den Abbau in der Leber beschleunigen:
Gegenanzeigen
Digitoxin darf in folgenden Fällen nicht eingenommen werden:
- bei Allergie gegen Digitoxin oder anderen Herzglykosiden
- bei Verdacht auf Vergiftungen mit Herzglykosiden
- bei Kammertachykardie oder Kammerflimmern (Herzrhythmusstörungen)
- bei AV-Block II. oder III. Grades oder bei pathologischer Sinusknotenfunktion (Herzrhythmusstörungen)
- bei geplanter elektrischer Kardioversion (Regulierung der Herzschlagfolge mittels Strom)
- bei Verdacht oder Bestehen von akzessorischen atrioventrikulären Leitungsbahnen (WPW-Syndrom)
- bei Kaliummangel im Blut (Hypokaliämie)
- bei erhöhtem Calciumspiegel im Blut (Hyperkalzämie)
- bei Magnesiummangel im Blut (Hypomagnesiämie)
- bei Herzmuskelerkrankungen mit Verengung der Ausflussbahn
- bei krankhafter Ausweitung der Hauptschlagader (Aorta) im Bereich des Brustkorbes (thorakales Aortenaneurysma)
- bei gleichzeitiger intravenöser Gabe von Kalziumsalzen
Altersbeschränkung
Kann bei Säuglingen, Kindern und Erwachsenen angewendet werden.
Schwangerschaft & Stillzeit
In der Schwangerschaft kann Digitoxin angewendet werden. Es sind keine Berichte zu Fehlbildungen vorhanden. Zu beachten ist, dass hierfür Digoxin - ein chemisch naher Verwandter von Digitoxin - verwendet wurde. Zu Digitoxin gibt es keine Erfahrungsberichte. Aufgrund der Ähnlichkeit können aber die oben genannten Rückschlüsse gezogen werden. Es sollten bei der Anwendung in der Schwangerschaft jedoch regelmäßig Ultraschall- und Herzfrequenzkontrollen beim ungeborenen Kind durchgeführt werden.
Als Alternative zu Digitoxin sollte daher Digoxin verwendet werden.
In der Stillzeit sollte Digitoxin NICHT angewendet werden, da hier keine Erfahrungsberichte vorliegen und Digitoxin in die Muttermilch übergeht.
Als Alternative zu Digitoxin sollte daher Digoxin verwendet werden.
Bei der Digoxin-Therapie von stillenden Müttern wurden keine Symptome beim gestillten Säugling beobachtet, da die aufgenommene Menge so klein ist, dass keine Auswirkungen zu erwarten sind. Bei einer intravenösen Gabe sollte eine Stillpause von 2 Stunden eingehalten werden, da bei der intravenösen Gabe mehr Wirkstoff verfügbar ist.
Geschichte zum Wirkstoff
Digitoxin wird aus dem Roten Fingerhut (Digitalis purpurea) gewonnen. Erste Anwendungen wurden bereits im Jahre 1775 beschrieben. Oswald Schmiedeberg isolierte Digitoxin als Erster im Jahre 1875. Die vollständige Aufklärung der Struktur gelang Adolf Otto Reinhold Windaus 1962.

Digitoxin kann aus den Blättern des Fingerhutes gewonnen werden. Er gehört zur Familie der Wegerichgewächse (Plantaginaceae) und ist in Europa heimisch. Früher wurden aus den getrockneten Blättern Tinkturen, Pulver oder Extrakte hergestellt. Davon ist jedoch abzuraten, da der Rote Fingerhut (Digitalis purpurea) nicht nur eine Heil- sondern auch eine Giftpflanze ist, wodurch er in der Vergangenheit gerne für Giftmorde und Suizide verwendet wurde. Da in jeder einzelnen Pflanze der Wirkstoffgehalt anders ist und für schwere Vergiftungen bereits einige Milligramm reichen, sollten nur Fertigarzneimittel eingenommen werden.
Um 6g Digitoxin herzustellen, müsste man 10 kg Blätter verarbeiten.

Autor
Thomas Hofko
Student der Pharmazie
Thomas Hofko befindet sich im letzten Drittel seines Bachelorstudiums der Pharmazie und ist Autor und Lektor für pharmazeutische Themen. Er interessiert sich besonders für die Bereiche Klinische Pharmazie und Phytopharmazie.

Lektor
Mag. pharm. Stefanie Brandauer
Pharmazeutin
Stefanie Brandauer ist seit 2020 freie Autorin bei Medikamio und studierte Pharmazie an der Universität Wien. Sie arbeitet als Apothekerin in Wien und ihre Leidenschaft sind pflanzliche Arzneimittel und deren Wirkung.
Redaktionelle Grundsätze
Alle für den Inhalt herangezogenen Informationen stammen von geprüften Quellen (anerkannte Institutionen, Fachleute, Studien renommierter Universitäten). Dabei legen wir großen Wert auf die Qualifikation der Autoren und den wissenschaftlichen Hintergrund der Informationen. Somit stellen wir sicher, dass unsere Recherchen auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren.